Eine Erfindung „Made in Aachen“

Hygieneboxen statt Cocktailmaschinen

Die Pandemie zwingt viele Unternehmen zum Umdenken. Ein Aachener Erfinder hat aus der Not eine Tugend gemacht.

Aachen. Bis vor ein paar Monaten war es so: Timm Kasischke war mit seinen mobilen Cocktailmaschinen bundesweit unterwegs. Bei Konzerten, in Stadien, bei Messen, Firmen- und Familienfesten. Die Erfindung des Aachener Ingenieurs war durchaus nachgefragt. 600 Cocktails ließen sich innerhalb einer Stunde auf Knopfdruck präzise in gleichbleibender Qualität zapfen. Die Hochleistungsmaschinen in Kleinformat ließen sich auf Elektroräder anbringen und im Großformat lieber auf einem Streetscooter-LKW. Es gibt viele hübsche Bilder von solchen Gelegenheiten. Es sind Erinnerungen an eine andere Zeit. Seitdem wegen der Corona-Pandemie nämlich Abstand befohlen ist, sind Massenveranstaltungen verpönt beziehungsweise sogar verboten. Die Nachfrage nach den Cocktailboxen brach jedenfalls ein. Die Paty ist für vorerst unbestimmte Zeit vorbei.

„Ingenieur und Erfinder“

Für Kasischke und seine kleine Aachener Firma KP Innovations war das eine durchaus bedrohliche Situation. „Wir mussten uns etwas einfallen lassen, aber das ist auch die Stärke einer kleinen wendigen Firma“, sagt er. „Ingenieur und Erfinder“ steht auf seiner Visitenkarte. Der 40-jährige tüftelte an einer Erfindung, die gerade gut in die Zeit passte. Seine Idee hat wieder mit Alkohol zu tun, allerdings in einer noch konzentrierteren Form und eindeutig gesundheitsförderlich. Mit der Technik der Cocktailmaschinen entstanden mobile Desinfektionsspender für die Massenanwendung. „Weltweit einmalig“, sagt er. Der Dispensoo ist inzwischen patentiert. Die Maschine gibt es in drei Größen. In der größten Box können bis zu 45 Liter Desinfektionsmittel gefüllt werden. Kontaktlos über eine Infrarot-Schnittstelle fließen jeweils drei Mililiter, den Wert gibt das Robert-Koch-Institut gerade den Nutzern an die Hand. Eine Füllung reicht für 15.000 Anwendungen quasi im Vorbeigehen.

Große Füllmenge, wenig Abfall

Wer mag, kann auch ein kleines Fläschchen abfüllen. „Es muss also nicht so oft gewechselt werden wie bei manuellen Wandspendern. Gerade an Orten und in Einrichtungen mit hohem Personenaufkommen ist das vorteilhaft“, sagt Kasischke. Zudem fällt kaum Abfall an, auch das ist ein Aspekt. Der TÜV Rheinland hat eigens einen Mitarbeiter abgestellt, um den Umbau der Cocktailmaschinen zu Desinfektionsspendern zu begleiten. „Sie haben erkannt, wie relevant die Hygiene in Coronazeiten und auch danach ist“, sagt er. Für seine Erfindung gibt es hohe Sicherheitsauflagen, schließlich bestehen Desinfektionsmittel aus leicht entflammbarem Alkohol. So muss das Gerät mit dem hochprozentigen Inhalt vor Diebstahl und Vandalismus geschützt sein. Das sind die Vorgaben für die Zulassung. Ingenieur Kasischke wollte innerhalb kurzer Zeit ein robustes Produkt herstellen. Deswegen suchte er den Kontakt zu Tischlereien, Messebauern und Zulieferern für Gehäuse und Elektronik in der Region, die er schon seit Jahren kennt. Der Dispensoo trägt das Siegel „Made in Aachen“. Die Kooperation hat auch dazu geführt, dass deren Mitarbeiter teilweise wieder aus der Kurzarbeit entlassen werden konnten. „Wenn wir eine größere Stückzahl schnell herstellen wollen, benötigen wir versierte Partner“, sagt er.

Ein Markt mit Zukunftsperspektive

Seit einem Monat nun erfolgt die Montage in den Hallen des Maschinenbauunternehmens 3win in Aachen, das sich auch „die Machbarmacher“ nennt. „Wir sind überzeugt, dass das Desinfektionsthema zunehmend an Bedeutung gewinnen wird“, sagt Dagmar Wirtz, die Geschäftsführerin des Unternehmens. Sie kann sich solche Boxen auch in Hotels, Kaufhäusern, Banken, an Flughäfen, auf Bahnsteigen oder in Zügen vorstellen. Schließlich lassen sich die Boxen bei Bedarf mit einem Akku betreiben.

Zwischen Idee und Serienreife bei 3win lagen nur etwa sechs Wochen. Die zeit war nicht vorhanden, sich von Prototyp zu Prototyp zu hangeln und am Detail zu feilen. In Corona-Zeiten verändern sich manchmal die üblichen zähen Abläufe. „Wenn man eine solche Idee einem großen Medizintechnik-Hersteller präsentiert, vergehen schnell sechs Monate“, weiß Kasischke, der sich selbst mit Medizintechnik in seinem Studium beschäftigt hat. Die erste Charge ist für 1000 Geräte angelegt. Inzwischen steht der Dispensoo bereits an Schulen in Jülich, vor Discountern oder auch bei der Meyer Werft in Papenburg. Die Nachfrage ist angelaufen, obwohl das Unternehmen bislang kaum Werbung gemacht hat. Und vielleicht finden sich auch Sponsoren, die Kindertagesstätten oder Schulen die beleuchtbaren Hygienespender spenden möchten – auch das ist eine Hoffnung der Erfinder.

Ein Platz im Alltag

Kasischke möchte bald wieder dabei sein, wenn es Konzerte, Fußballspiele, Messen, Firmen- oder Familienfeste gibt, die dann anders aussehen müssen als noch vor ein paar Monaten. Vielleicht passen die Cocktailmaschinen aktuell nicht in die Landschaft, aber die Desinfektionsboxen werden ziemlich sicher einen Platz im Alltag finden, vermutet der Erfinder.

 

Quelle: Aachener Nachrichten